Bei der Cheerleadermannschaft „Hawks“ sorgen die Jungs für Muskelkraft und starke Nerven

Das Menschengebilde wankt und schwankt. Schrecksekunde. Dann findet die zierliche Frau in drei Metern Höhe ihre Balance, reckt stolz ihr Kinn und streckt beide Arme seitlich aus. Posieren. Lächeln. Fallen lassen. Vier Teamkollegen fangen Fliegengewicht Steffi auf und stellen sie zurück auf den stabilen Boden. Wenn die „Hawks“ trainieren, dann geht es nicht nur um sportliche Leistungen. Wenn das Vertrauen fehlt, dann nützt der ausgeprägteste Gleichgewichtssinn wenig. Cheerleading ist Charakterschulung. 
„Wir müssen aufeinander aufpassen und uns vertrauen. Wir sind ein Team“, sagt Cheerleader Tony Grünwald. Er selbst fliegt nicht durch die Luft. Der 21-Jährige liefert vielmehr Muskelkraft und Drahtseilnerven. Tony ist einer von sechs Jungs in der Akrobatik-Gruppe und unterstützt 21 Frauen und Mädchen bei ihren Höhenflügen und sichert anschließend den Abgang. 

Bei seinen Freunden sorgt Tonys Hobby für allerlei Kopfschütteln. „Bis du schwul oder was?“, frotzeln sie. Ein männlicher Cheerleader scheint nicht so recht ins Schema mancher zu passen. Dabei durften Ende des 18 Jahrhunderts in den USA nur Männer ihren Lieblingsverein mit Tanz und Akrobatik anfeuern. Der Name „Cheerleading“ setzt sich zusammen aus den englischen Begriffen für „Beifall“ und „Führen“. Ziel ist es, die Zuschauer zum Jubeln zu bringen und der eigenen Mannschaft so den Rücken zu stärken.
An dem ehemaligen Männersport klebt heute zähflüssig das Klischee von leicht bekleideten Schulmädchen mit Glitzerpuscheln in der Hand. Schuld daran sind vermutlich diverse US-amerikanische Jugendfilme, in den die blondesten Mädchen halb nackt über den Rasen huschten und mit Fitzelstimmchen „Yeaaa“ quietschten.
Stefan Voigt hat für solche Klischees nur eine hochgezogene Augenbraue übrig. Seit vier Jahren ist der Industriemechaniker Trainer für die Junior- und Senior-„Hawks“. Dreimal in der Woche leitet er das schweißtreibende Training, das bis zu drei Stunden dauern kann. Neben den Auftritten bei den Heimspielen der Basketballmannschaft „Basket Brandenburg“, feilt das Team an Choreografien für bundesweite Meisterschaften. Bei manchen Auftritten müssen auch die Jungs ihre Hüften kreisen lassen. Das dabei die Männlichkeit nicht flöten geht, überwacht der Chef mit Argus-Augen. „Ich probiere alle Bewegungen selbst aus. Was bei mir funktioniert, können die anderen Jungs auch.“
Tony Grünwald hat keine Angst um den Verlust seiner Männlichkeit. Ganz im Gegenteil. Durch das Cheerleading hat der Student der Betriebswirtschaftslehre sein Selbstwertgefühl erst richtig aufputschen können. „Ich trage schöne Frauen auf Händen. Was will ich mehr?“, sagt er. Für seine stichelnden und scherzenen Freunde hält der Brandenburger immer eine kecke Argumentation bereit: „Um sich fit zu halten, rennen die meisten Männer ins Fitnessstudio und jonglieren stumpf mit den Hanteln. Ich trainiere meine Muckis mit lebendigen Gewichten und lerne nebenbei Teamarbeit zu schätzen“, sagt Tony Grünwald. Hin und wieder landet mal eine Ferse oder ein Ellenbogen in seinem Gesicht. Dieses Risiko nimmt der 21-Jährige gern in Kauf. Er ist schließlich Mann genug, um ein paar blaue Flecken zu ertragen.